Ski und Schlittschuh gut in Oberhausen?
Oberhausen braucht kein "Wintersportparadies"

Schön sieht anders aus - Skihalle in Neuss
(Bild: Stefan Didam, www.wikipedia.de)
Für viele OberhausenerInnen hörte es sich zunächst wie ein verspäteter Aprilscherz an, als Ende Mai erste Gerüchte von einer geplanten Skihalle auf dem Gelände des ehemaligen Elektrostahlwerks durch die lokale Presse geisterten. „Eine Skihalle in Oberhausen, wer braucht denn das?“, fragten sich die Meisten völlig zu Recht. Insbesondere da die nächstgelegene Skihalle doch für alle OberhausenerInnen bequem mit dem Fahrrad zu erreichen ist: das Veltins Alpincenter in Bottrop.
Doch schon bald wurde klar: die Frage nach dem Sinn und Zweck der Ansiedlung einer weiteren Skihalle, neben dem schon erwähnten Veltins Alpincenter in Bottrop und der Jever Skihalle in Neuss, und somit der dritten Einrichtung dieser Art im Umkreis von lediglich 60 Kilometer, stellt sich in der Oberhausener Stadtspitze schon lange niemand mehr. Sie solle, so ließ Oberbürgermeister Wehling angeblich verlauten, nur nicht höher als der Gasometer sein.
Das Heft aus der Hand gegeben
Doch selbst dies wäre im Falle des Falles nicht mehr als ein frommer Wunsch. Hat doch die Stadt Oberhausen mit dem Verkauf der gesamten Fläche des ehemaligen Elektrostahlwerks an einen irischen Baggerhändler und entsprechender Änderung des Bebauungsplans für dieses Areal die planerische Hoheit und somit Gestaltungsmöglichkeit größtenteils aus der Hand gegeben. Die Erleichterung, jetzt endlich für einen größeren Teil des gerne als Filetstück bezeichneten Brachlandes, eine neue Nutzung zu haben, war daher mit den Händen zu greifen.
Das zurzeit auf den Namen Grand Alpin hörende Projekt (ein namensgebender Sponsor aus dem Braugewerbe ist anscheinend noch nicht gefunden) umfasst dabei eine Indoor-Skihalle mit 400m-Piste, wie mensch sie aus dem lediglich 6 km entfernten Bottrop kennt. Daüber hinaus sollen eine Eishalle (siehe Artikel auf dieser Seite), eine Kart-Bahn und eine Kletteranlage erichtet werden. Angesichts der Ansiedlung eines solchen Großprojektes sollte mensch meinen, dass dies ein paar kritische Fragen nach sich ziehen würde. Doch die Aussicht auf die von den Investoren genannten 600 Arbeitsplätze, die in dem Freizeitkomplex angeblich entstehen sollen und 1,4 Millionen Besucher/innen, die jährlich das Wintersportcenter besuchen werden, scheint dabei sowohl in der hiesigen Stadtspitze als auch der lokalen Presse derartige Fragen, in den Hintergrund treten zu lassen.
Gute Arbeitsplätze, gutes Geld?
Welcher Art sind eigentlich die von den Investoren genannten 600 Arbeitsplätze? Joachim Herden, der Initiator des Projekts spricht von der Schaffung "dauerhafter Arbeitsplätze". Doch was heißt in diesem Zusammenhang „dauerhaft“? Schließlich kann auch ein 400-Euro-Job oder eine Teilzeitstelle ein „dauerhafter Arbeitsplatz“ sein. Gerade im Dienstleistungsbereich (wie zum Beispiel Gastronomie) ist der Anteil an ungesicherten und schlecht bezahlten Beschäftigungsverhältnissen sowie Teilzeitstellen überdurchschnittlich hoch. Einigen wenigen relativ gut bezahlten leitenden Angestellten, steht dort eine Belegschaft gegenüber, die oftmals weit unter dem verdient, was ein/e gut ausgebildeter, nach Tarif bezahlte/r Facharbeiter/in in Industrie und Handwerk erhält. Nicht zu vergessen ist hierbei, dass gerade im Dienstleistungsbereich der Anteil an schlecht entlohnten, typischen Frauenarbeitsplätzen überdurchschnittlich groß ist.
Wie verträgt sich ein derartiges Großprojekt mit ökologischen Zielen, wie der Minderung der CO2-Belastung, der Verringerung von Verkehrslärm und der Reduzierung der Feinstaubbelastung durch den Straßenverkehr? Schließlich - so steht zu befürchten - wird nur ein Bruchteil der Besucher/innen mit dem ÖPNV anreisen. Hinzukommen die Mengen an Energie, die eine Skihalle in der geplanten Größe verschlingt, selbst wenn diese Energie angeblich nachhaltig erzeugt werden kann.
Skisport ist nicht ökologisch
Schon in den traditionellen Wintersportgebieten, sei es im „vor der Tür liegenden“ Sauerland oder in den Alpen kritisieren Naturschützer seit Jahren und Jahrzehnten den Einsatz von Schneekanonen um der Natur, wenn der Schnee nicht rechtzeitig zu Beginn der Touristensaison fallen mag, mittels Kunstschnees auf die „Sprünge“ zu helfen. Der damit verbundenen Energie und Wasserverbrauch ist aus ihrer Sicht ökologisch nicht vertretbar. Kunstschnee ist in einer Indoor-Skihalle jedoch nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Jede Schneeflocke auf der Piste muss mit dem Einsatz von Wasser und Energie künstlich erzeugt werden und mit dem Einsatz weiterer Energie vor dem vorzeitigen Verschwinden, sprich tauen, bewahrt werden. So ist eine Indoor-Skihalle nichts weiter als ein gigantischer Gefrierschrank, der selbst wenn er der Energieeffizienzklasse AAA genügen würde, angesichts seiner schieren Größe immer noch Unmengen an Energie verbraucht. Ein Projekt also, dem mensch angesichts knapper werdender Energiereserven wie Öl und Kohle und der sich immer deutlicher zeigenden Folgen der allgemeinen Erderwärmung nur das Prädikat ökologischer Irrsinn verleihen kann.
Kirchturmdenken statt Kooperation
Mit großem Aufwand feiert sich das Ruhrgebiet im Rahmen des Europäischen Kulturhauptstadtjahres 2010 als einheitliche Metropole. Millionen von „Ruhris“ haben Mitte Juli beim Still-Leben auf der A40 demonstriert, als was sie sich sehen: als Bewohnerinnen und Bewohner der Metropole Ruhrgebiet. Ein Denken, dass in den Köpfen der politischen Entscheidungsträger der Stadt Oberhausen offensichtlich noch nicht angekommen ist. Wie sonst ist es zu erklären, dass mal wieder in die alt hergebrachten Schablonen politischen Kirchturmdenkens zurückgefallen und der Bau einer weiteren Indoor-Skihalle in nur 6 Kilometer Entfernung zur bereits bestehenden in Bottrop genehmigt wird. Angesichts sinkender Realeinkommen und der sich für viele Menschen in Oberhausen und in diesem Land immer weiter verschlechternden Einkommenssituation ist es bestenfalls naiv zu glauben, dass zwei derartige Freizeiteinrichtungen in unmittelbarer Nachbarschaft dauerhaft überlebensfähig sind. Und es ist kaum davon auszugehen, dass es das in die Jahre gekommene Alpincenter in Bottrop ist, das diesen Konkurrenzkampf übersteht, auch wenn deren Betreiber behaupten sich „gut gerüstet“ zu sehen. Hier droht in absehbarer Zeit der Bankrott und der Stadt Bottrop damit eine riesige Bauruinie auf der Halde Prosper.
Von der Wiege der Ruhrindustrie zum billigen Freizeitpark?
Mit der geplanten Ansiedlung der "Winter-Erlebniswelt" setzt die Stadtspitze ihre verheerende Stadtentwicklungspolitik, die mit der Schaffung des Centros ihren Anfang nahm unbeirrt fort. Statt, wie ursprünglich geplant und angekündigt, auf dem Gelände des ehemaligen Elektrostahlwerks hochwertiges und zukunftsfähiges produzierendes und verarbeitendes Gewerbe anzusiedeln (und damit qualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen), bekommen die Oberhausener Bürgerinnen und Bürger nun neben einer weiteren Lidl-Filiale und einer Spielhalle im XXL-Format ein Skizentrum mitten in ihre Stadt gesetzt. Mit einer nachhaltigen, zukunftsorientierten Stadtentwicklungspolitik hat dies nichts mehr zu tun. Schon jetzt zeichnet sich das hochtrabend als „Neue Mitte“ bezeichnete Gebiet auf dem rund um das Gelände der ehemaligen GHH durch seine Menschen abweisende Ödnis aus. Wirklich lebendiges, städtisches Leben ist dort nicht zu finden. Währendessen zerfällt die einst quirligen Innenstadt Oberhausens zusehends. Traditionelle Freizeiteinrichtungen wie die Eissporthalle im Revierpark Vonderort werden dem absehbaren Zerfall preisgegeben. Die Stadt in einen riesigen Freizeit- und Konsumpark zu verwandeln ist eben genau das Gegenteil eines erfolgreichen und in die Zukunft weisenden Strukturwandels. Es ist eine politische Bankrotterklärung.

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